LogoMundA
spenden
Übergabe der Petition für bessere Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege am 12. Mai 2021 in Berlin | Foto: Michael Dietsch
Startschuss der Berliner Krankenhausbewegung: Übergabe der Petition für bessere Arbeitsbedingungen im Frühjahr 2021, verbunden mit einem 100-Tage-Ultimatum | Foto: Michael Dietsch

"Nicht Streiks gefährden die Patienten, sondern die Zustände im Krankenhaus"

Interview mit Silvia Habekost, Vorstandsmitglied der Stiftung

Juni/Juli 2026

Der Bereich der Daseinsvorsorge, darunter vor allem das Gesundheitswesen, ist mit Corona in den besonderen öffentlichen Fokus gerückt und in den vergangenen Jahren verstärkt zum Ort von Arbeitskämpfen geworden. Silvia Habekost arbeitet seit über 40 Jahren als Krankenpflegerin. Sie ist seit 1990 Gewerkschaftsmitglied und wurde eine der zentralen Aktivist:innen der Berliner Krankenhausbewegung. Sie hat die Entlastungsstreiks bei Vivantes und bei der Charité in Berlin mitgeprägt und engagiert sich in ver.di-Gremien. Seit Mai ist sie Mitglied im Vorstand der Stiftung. Gerhard Klas sprach mit ihr.

Mit der Einführung der Fallpauschalen Anfang der 2000er-Jahre bist Du gewerkschaftlich aktiv geworden. Was hat sich damals so grundlegend verändert?

Schon bevor die Fallpauschalen kamen, wurde 1985 das Gewinnverbot für Krankenhäuser aufgehoben – damit war der Weg frei für private Träger, Gewinne aus dem System zu ziehen. Die Fallpauschalen haben das dann für alle Häuser zementiert: Für jeden Behandlungsfall wird ein Preis berechnet, egal wie aufwändig die Versorgung wirklich ist. Krankenhäuser mussten plötzlich möglichst viele "Fälle" behandeln, möglichst schnell. Bereiche wie Kinderheilkunde oder Geburtshilfe konnten von Anfang an nie kostendeckend arbeiten – sie waren schlicht unterbewertet. Also wurden Personalkosten zum Kostenfaktor, und das Personal wurde eingespart. Gleichzeitig wurden ganze Bereiche ausgelagert, um an Gehältern zu sparen. An den Krankenhausspitzen saßen keine Mediziner:innen oder Verwaltungsmenschen mehr, sondern Betriebswirtschaftler:innen.

Wie hat sich das konkret auf deinen Arbeitsalltag ausgewirkt?

Ich arbeite im OP in der Anästhesie. Und da ist es besonders spürbar: Es geht nur noch um Optimierung. Nicht darum, ob Patient:innen gut versorgt sind – sondern darum, dass alles schnell geht. Früher wurden Patient:innen einen Tag vor der OP aufgenommen, lagen dann noch zwei, drei Tage danach im Krankenhaus. Heute kommen sie am OP-Tag und gehen am nächsten oder übernächsten Tag. Die, die da sind, brauchen intensive Versorgung – und wir haben weniger Personal für mehr Aufwand. Besonders dramatisch ist das etwa, wenn Kinder operiert werden, da brauchst Du Zeit zum Reden und viel Zuwendung. Viele haben den Beruf verlassen, weil sie es einfach nicht mehr aushielten. Im "Schwarzbuch Krankenhaus" finden sich viele Beispiele für die Folgen der Ökonomisierung im Krankenhaus – und Kolleg:innen aus sämtlichen Krankenhäusern können dort ihre Erfahrungen teilen.

Silvia Habekost | Foto: Stefan Häusler

Krankenhäuser seien zu teuer geworden – unter anderem wird so auch die aktuelle Gesundheitsreform begründet. Stimmt das?

Das ist ein Mythos, und man kann ihn widerlegen. Das Problem war nie die Ausgabenseite – die Einnahmeseite ist weggebrochen. Das ist jetzt wieder zu spüren. Es werden Leistungen von den Krankenkassen bezahlt, die eigentlich aus Steuermitteln kommen müssten, zum Beispiel Sozialleistungen wie das Mutterschaftsgeld. Ein weiterer Grund ist die duale Krankenhausfinanzierung: Die Betriebskosten übernehmen die Krankenkassen, die Investitionskosten die Länder. Berlin ist ein Paradebeispiel: Die Investitionsmittel, die Krankenhäuser für neue Geräte, für Sanierungen brauchen, werden seit Jahren nicht ausreichend vom Land finanziert. Die Häuser zahlen das aus eigener Tasche – Geld, das ihnen dann für die Versorgung fehlt. Personalstellen werden zu Baustellen. Und trotzdem gelingt es privaten Trägern, Gewinne aus den Häusern zu ziehen, um die Renditeerwartungen ihrer Anleger zufrieden zu stellen. Das sind Krankenkassenbeiträge der Versicherten, die da abfließen.

Die Berliner Krankenhausbewegung hat 2021 Entlastungsstreiks bei Charité und Vivantes geführt – mit 30 beziehungsweise 33 Streiktagen. Wie streikt man im Krankenhaus, ohne die Patient:innen zu gefährden?

Das ist die entscheidende Frage, und das Hauptargument lautet: Nicht Streiks gefährden die Patienten, sondern die Zustände im Krankenhaus. Wenn wir im Alltag zu wenig Personal haben, wenn in Kauf genommen wird, dass Patient:innen schlecht versorgt werden, interessiert das die Geschäftsführung herzlich wenig. Das ist die eigentliche Gefährdung. Wenn man das einmal wirklich verstanden hat, ist man auch bereit zu streiken.

Aber wie geht das praktisch?

Die Kolleginnen und Kollegen von der Charité hatten das schon 2013 bis 2015 entwickelt. Man fragt vorher in den Teams, wie viele bereit sind zu streiken. Wenn ein ganzes Team sagt, wir gehen alle in den Streik, dann kündigt man das sieben Tage vorher an. Dann liegt die Verantwortung bei der Krankenhausleitung: Wenn ihr in sieben Tagen noch Patient:innen auf dieser Station habt und kein Pflegepersonal – dann gefährdet ihr die Patienten. Also mussten die Betten leergeräumt werden. Dann gibt es eine Notdienstbesetzung für die wirklich kritischen Fälle. So geht Streik im Krankenhaus.

Vivantes hat versucht, euch den Streik gerichtlich zu untersagen.

Zweimal. Der Hebel war immer der Notdienst – die haben versucht, uns auf eine Notdienstvereinbarung festzunageln, die sie kontrollieren konnten. Wir haben stundenlang darüber verhandelt, aber am Ende einseitig die Bedingungen angewandt, die wir für richtig hielten. Keine unterschriebene Notdienstvereinbarung, aber auch keine Gefährdung der Patient:innen. Durch Bettenschließungen und Ankündigungsfristen haben wir ein Drittel der Betten leer gestreikt. Das hat finanziellen Druck erzeugt – und das ist heute der Haupthebel. Seit der Ökonomisierung des Gesundheitswesens ist das so. Man muss leider sagen: So funktioniert es.

Was habt ihr konkret durchgesetzt?

Vor allem den Tarifvertrag Entlastung. Wir haben Personalschlüssel verankert: über die Anzahl von Patient:innen, die eine Pflegekraft auf einer Krankenstation versorgen kann. Für die Funktionsbereiche wie OP, Anästhesie, Rettungsstellen, Kreißsäle haben wir Besetzungsstärken definiert. Aber das Wichtigste ist: Was passiert, wenn das nicht eingehalten wird? Denn wenn es nur auf dem Papier steht, ist man ohne Druckmechanismus ein zahnloser Tiger. Die Charité hatte schon 2015 Personalregelungen – und die haben schlicht nicht funktioniert, weil keine Sanktionen dahinterstanden.

Wir haben die Kolleginnen und Kollegen gefragt: Was muss sich ändern, damit du wieder gut arbeiten kannst? Aus diesen Antworten sind unsere Forderungen entstanden. Nicht aus einer Tarifkommission am grünen Tisch.

Was ist jetzt anders?

Bei uns gilt: Wenn wir in einer belasteten Schicht arbeiten – also unter dem vereinbarten Minimum – bekommen wir einen Belastungspunkt. Ab einer bestimmten Anzahl von Punkten haben wir Anspruch auf einen freien Tag. Das verpflichtet den Arbeitgeber, die Mindestbesetzung einzuhalten. Tut er es nicht, "zahlt" er mit freien Tagen. Und dann hat er noch weniger Personal, muss Betten reduzieren oder teuer nachbesetzen. Das ist der Mechanismus, der die Vereinbarungen zu Entlastung zum echten Druckinstrument macht.

Wie war das möglich? Der Organisationsgrad in der Pflege war anfangs nicht gerade hoch.

Wir haben möglichst alle Kolleg:innen beteiligt, auch diejenigen, die keine Gewerkschaftsmitglieder waren. Inspirierend war hier ein Seminar "Organizing for Power", an dem einige Kolleg:innen von Vivantes und der Charité schon 2019 mit der US-amerikanischen Gewerkschafterin und Wissenschaftlerin Jane McAlevey digital teilgenommen hatten. Entscheidend war die Frage – das wissen wir seitdem – wie werden eigentlich unsere Forderungen entwickelt? Wir haben also die Kolleginnen und Kollegen gefragt: Was muss sich ändern, damit du wieder gut arbeiten kannst? Aus diesen Antworten sind unsere Forderungen entstanden. Nicht aus einer Tarifkommission am grünen Tisch. Wir haben die Anzahl der Gewerkschaftsmitglieder seitdem ungefähr verdoppelt – von durchschnittlich etwa zehn auf zwanzig bis dreißig Prozent, manche Bereiche liegen noch höher. Und die, die damals gekämpft haben, sind größtenteils heute noch dabei.

Und wie lief die Verhandlungsführung?

Auch die haben wir verändert. Üblicherweise verhandeln ein paar Leute im Hinterzimmer. Wir haben gesagt: Nein. Die gesamte Tarifkommission verhandelt. Und: Alles wird mit den Teamdelegierten aus allen Stationen und Bereichen rückgekoppelt. Ob wir ein Angebot annehmen, entscheiden nicht die Hauptamtlichen – das entscheiden wir. Das hat bei ver.di vielen anfangs nicht gefallen. Aber sie haben dann ziemlich schnell gemerkt, wie deutlich stärker das die Verhandlungsposition macht. Es war nicht so einfach, das durchzusetzen, aber mit guten Argumenten, vielen neuen Mitgliedern und dem nötigen Druck ist uns das gelungen.

Jetzt droht eine neue Gesundheitsreform genau diese Errungenschaften zu gefährden. Was sind die konkreten Punkte?

Der wichtigste Punkt, der in der Berichterstattung fast nicht vorkommt: Sie wollen das Pflegebudget deckeln. Das Pflegebudget, eingeführt 2020, war ein echter Erfolg – alle Pflegekräfte am Bett werden über ein eigenes Budget finanziert, das die Krankenhäuser direkt mit den Krankenkassen abrechnen. Eine Art Selbstkostendeckung, wie es sie früher gab. Dadurch konnten bundesweit rund 50.000 Pflegekräfte in den Krankenhäusern eingestellt werden. Und das hat uns natürlich auch geholfen, gute Personalregelungen im Tarifvertrag durchzusetzen. Die Deckelung ist nur der erste Schritt zur Abschaffung. Und gleichzeitig sollen Tariferhöhungen nicht mehr vollständig refinanziert werden. Das bedeutet: Wenn wir als Gewerkschaft Lohnerhöhungen erkämpfen, müssen die Häuser einen Teil davon selbst schultern. Das ist ein direkter Angriff auf unsere Tarifpolitik. Die Charité hat ihren Entlastungstarifvertrag bereits gekündigt – das ist kein Zufall.

Gibt es irgendeinen sinnvollen Ansatz in der Krankenhausreform?

Nein. Die Grundidee, Vorhaltungskosten zu refinanzieren – also dass Krankenhäuser auch dann Geld bekommen, wenn sie Kapazitäten vorhalten, die gerade nicht genutzt werden –, die macht an sich Sinn. Das haben wir während der Corona-Pandemie gesehen. Die Feuerwehr bezahlt man ja auch nicht nur für die Feuer, die sie löscht. Aber diese Vorhaltekosten werden wieder an Mengenvorgaben gekoppelt. Es drohen weitere Konzentrationen, Schließungen, Bettenabbau. Und das alles ohne wirkliche Versorgungsforschung, ohne überhaupt zu fragen, welche Strukturen wir brauchen, wie das Outcome ist, wie es den Menschen nach der Behandlung geht. Das findet hier schlicht nicht statt.

Der Bereich der Daseinsvorsorge – Gesundheit, Pflege, öffentlicher Dienst – ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar. Wenn wir diesen Bereich nicht aktiv gestalten, fällt er den Falschen zu.

Zum Schluss: Du arbeitest jetzt im Vorstand der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt mit. Was hat dich dazu bewogen?

Ich habe selbst schon Fördergelder bei der Stiftung beantragt und mich deshalb bereits länger mit der Stiftung beschäftigt. Gefragt wurde ich schon vor zwei Jahren – jetzt habe ich etwas mehr Zeit. Was mich überzeugt hat: Wenn ich mir den DGB anschaue, sind Industriegewerkschaften nach wie vor deutlich mächtiger als ver.di, obwohl ver.di bei dieser Entwicklung zahlenmäßig aufholt. Aber der Bereich der Daseinsvorsorge – Gesundheit, Pflege, öffentlicher Dienst – ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar und wird noch viel wichtiger werden. Wenn wir diesen Bereich nicht aktiv gestalten, fällt er den Falschen zu. In der Stiftung stoße ich da auf offene Ohren. Und ich begrüße auch ihre kritische Haltung gegenüber der Militarisierung der Gesellschaft. Unsere Krankenhäuser sollen jetzt auch "kriegstüchtig" gemacht werden, das bereitet mir und vielen Kolleg:innen große Sorgen.

Die Stiftung ist gewerkschaftsnah, aber unabhängig von den Apparaten.

Das ist ein großer Vorteil. Da kann ich gut mitreden. Die Gewerkschaft muss sich verändern – und sie verändert sich nur, wenn wir es von innen machen. Es reicht nicht, auf die Hauptamtlichen zu warten. Die Jahrzehnte, in denen sich aus den betrieblichen und gewerkschaftlichen Gremien heraus niemand wirklich darum gekümmert hat, Nachwuchs zu schulen und Traditionen weiterzugeben – die rächen sich jetzt. Wir als Beschäftigte und als aktive Gewerkschafter:innen können nicht darauf warten, dass es jemand für uns tut. Das müssen wir selber machen. Wir sind ver.di! Das vermitteln wir in der Berliner Krankenhausbewegung – und das bleibt die Grundlage für alles, was noch kommt.

Mehr zum Thema

Aktuell sind die Vivantes-Töchter im Streik. Die Beschäftigten kämpfen dafür, endlich genauso bezahlt zu werden, wie ihre Kolleg:innen, die direkt bei Vivantes angestellt sind. Seit Jahren werden sie für die gleiche Arbeit deutlich schlechter bezahlt – teilweise um über 800 Euro weniger im Monat. Spenden helfen den Streikenden durchzuhalten. Weiter zur Solidaritätskampagne...

Demo bei der Gesundheitsministerkonferenz 2026 am Mittwoch, 10. Juni 12:30 bis 15 Uhr in Hannover, Platz der Menschenrechte 1 (ehemals Trammplatz). Weiter zum Aufruf von ver.di...

Buch"Gebraucht und beklatscht – aber bestimmt nicht weiter so! Geschichte wird gemacht: Die Berliner Krankenhausbewegung", von Silvia Habekost und anderen (Hrsg), VSA Verlag 2022

Film"Ohne uns geht gar nix – Der lange Arbeitskampf der Berliner Krankenhausbewegung"

---
Unterstützen Sie uns! Spenden und Zustiftungen für die Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt sind herzlich willkommen. Gerne stehen wir für ein persönliches Gespräch bereit. Vielen Dank!

Zurück zur Seite "Stiftungsblog"